Stilles Mineralwasser im Supermarkt: Diese Tricks der Hersteller kosten dich jedes Jahr hunderte Euro

Wer im Supermarkt vor dem Getränkeregal steht, begegnet einer beeindruckenden Auswahl an stillem Mineralwasser. Die Flaschen präsentieren sich in edlem Design, versprechen Reinheit aus unberührten Quellen und suggerieren mit geschickt formulierten Botschaften einen gesundheitlichen Mehrwert, der den oft deutlich höheren Preis rechtfertigen soll. Doch wie viel Substanz steckt wirklich hinter diesen Versprechen? Ein genauer Blick auf die Marketingstrategien der Mineralwasserindustrie zeigt, dass Verbraucher häufig für Eigenschaften bezahlen, die keinen messbaren Vorteil gegenüber dem Wasser aus der Leitung bieten.

Die Inszenierung der Herkunft als Qualitätsmerkmal

Ein zentrales Element der Vermarktung von stillem Mineralwasser ist die emotionale Aufladung der Herkunft. Etiketten zeigen idyllische Berglandschaften, unberührte Naturschutzgebiete oder mystische Quellen in abgelegenen Regionen. Diese visuelle Sprache vermittelt Reinheit, Natürlichkeit und Exklusivität – Werte, die in der modernen Gesellschaft hoch im Kurs stehen. Tatsächlich unterliegt Mineralwasser in Deutschland strengen Kontrollen nach der Mineral- und Tafelwasser-Verordnung, doch auch Leitungswasser genügt sehr hohen Standards und wird regelmäßig überprüft.

Die geografische Herkunft wird zum Verkaufsargument hochstilisiert, obwohl sie für die tatsächliche Qualität nur bedingt relevant ist. Ob das Wasser aus den Alpen, aus vulkanischen Gesteinsschichten oder aus norddeutschen Tiefbrunnen stammt, sagt wenig über seinen gesundheitlichen Nutzen aus. Dennoch zahlen Konsumenten bereitwillig einen Aufpreis für die vermeintlich besondere Provenienz, ohne dass dieser durch messbare Vorteile gerechtfertigt wäre.

Mineralstoffgehalt: Viel Lärm um wenig

Ein weiterer beliebter Marketingtrick ist die Hervorhebung des Mineralstoffgehalts. Auf Etiketten prangen Angaben zu Calcium, Magnesium oder anderen Spurenelementen, die den Eindruck erwecken, man würde mit jedem Schluck aktiv etwas für seine Gesundheit tun. Die Realität sieht anders aus: Die Mineralstoffmengen in den meisten stillen Mineralwässern sind so gering, dass sie kaum einen nennenswerten Beitrag zur täglichen Versorgung leisten.

Wer seinen Bedarf an Calcium decken möchte, müsste mehrere Liter bestimmter Mineralwässer trinken – ein unrealistisches Szenario. Ein Glas Milch, eine Portion Brokkoli oder eine Handvoll Mandeln liefern deutlich mehr dieser Nährstoffe. Auch Leitungswasser enthält übrigens Mineralien, deren Zusammensetzung je nach Region variiert und oft unterschätzt wird. Die biologische Verfügbarkeit der Mineralien aus Wasser ist zudem begrenzt, da der menschliche Körper diese Nährstoffe aus fester Nahrung deutlich effizienter aufnimmt.

Das Spiel mit den Analysewerten

Besonders raffiniert ist die Präsentation von Analysewerten auf den Etiketten. Die detaillierten Angaben zum Mineralstoffgehalt erwecken den Anschein wissenschaftlicher Präzision und Seriosität. Für die meisten Verbraucher sind diese Zahlen jedoch schwer einzuordnen. Was bedeutet ein Magnesiumgehalt von 20 mg pro Liter tatsächlich? Ist das viel oder wenig? Die fehlende Einordnung lässt Raum für Interpretationen, die meist zugunsten des Produkts ausfallen.

Dabei wird geschickt verschwiegen, dass diese Mengen im Vergleich zum täglichen Bedarf verschwindend gering sind. Experten raten Verbrauchern daher, die konkreten Werte auf dem Etikett zu prüfen und realistisch einzuordnen, anstatt sich von der bloßen Präsenz wissenschaftlich klingender Daten beeindrucken zu lassen. Die Hersteller profitieren davon, dass die wenigsten Menschen die Mühe auf sich nehmen, diese Zahlen tatsächlich zu hinterfragen.

Premium-Positionierung durch Design und Preis

Die Verpackung spielt eine entscheidende Rolle bei der Wahrnehmung von stillem Mineralwasser als Premium-Produkt. Elegante Glasflaschen, minimalistische Etiketten und edle Verschlüsse suggerieren Hochwertigkeit und Exklusivität. Diese Designelemente haben nichts mit dem Inhalt zu tun, beeinflussen aber massiv die Kaufentscheidung. Der höhere Preis wird dann als Indikator für überlegene Qualität interpretiert – ein psychologischer Effekt, den die Hersteller gezielt nutzen.

Interessant ist auch die Strategie, verschiedene Produktlinien mit unterschiedlichen Preisniveaus anzubieten. Die Basisvariante wird oft als Einstiegsprodukt positioniert, während die teureren Varianten mit zusätzlichen Attributen wie „besonders sanft“, „naturbelassen“ oder „limitierte Edition“ beworben werden. Der tatsächliche Unterschied im Produkt selbst ist minimal bis nicht vorhanden. Manche Anbieter verlangen für besonders inszeniertes Wasser Preise von 20 Euro pro Flasche oder sogar bis zu 200 Euro pro Liter für Designerflaschen mit Swarovski-Verzierung – ein reines Lifestyle-Statement ohne jeden praktischen Mehrwert.

Gesundheitsbezogene Werbebotschaften in der Grauzone

Die Bewerbung von stillem Mineralwasser bewegt sich oft in einer rechtlichen Grauzone. Direkte Gesundheitsversprechen sind zwar reguliert, doch die indirekte Kommunikation lässt viel Spielraum. Formulierungen wie „unterstützt das Wohlbefinden“, „für eine ausgewogene Lebensweise“ oder „natürliche Balance“ klingen gesundheitsfördernd, ohne konkrete, überprüfbare Aussagen zu treffen.

Verbraucher werden mit Versprechungen konfrontiert, dass Wasser „fit hält, wach macht, gesund oder lebendig ist“. Allein im Jahr 2022 gaben Mineralwasserhersteller rund 116 Millionen Euro für Werbung aus. Dabei kommt es immer wieder zu Abmahnungen, insbesondere durch Verbraucherverbände, die gegen irreführende Werbeaussagen vorgehen. Besonders problematisch sind quasi-legale Heilsversprechen: Manche Anbieter bewerben ihre Produkte mit „bioenergetischen Frequenzmessungen der Vollmondabfüllung“, die angeblich „Körper, Seele und Geist unterstützen können“ – Aussagen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind.

Auch die visuelle Gestaltung der Werbung trägt dazu bei: Sportliche Menschen, vitale Senioren oder konzentriert arbeitende Berufstätige vermitteln unterschwellig, dass das beworbene Wasser zu diesem erstrebenswerten Lebensstil beiträgt. Diese assoziative Verknüpfung ist hochwirksam, obwohl kein kausaler Zusammenhang besteht. Die emotionale Ansprache ersetzt substanzielle Argumente und lenkt von der Tatsache ab, dass es sich letztlich nur um Wasser handelt.

Der pH-Wert als neues Verkaufsargument

In jüngster Zeit wird verstärkt der pH-Wert als Differenzierungsmerkmal herausgestellt. Sogenanntes basisches Wasser soll den Säure-Basen-Haushalt des Körpers positiv beeinflussen und verschiedene gesundheitliche Vorteile bieten. Der menschliche Körper reguliert seinen pH-Wert jedoch selbstständig und äußerst effizient – die Vorstellung, man könne durch das Trinken bestimmter Wässer diese Balance nachhaltig beeinflussen, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Dennoch greifen Hersteller diesen Trend auf und positionieren ihre Produkte als innovative Gesundheitslösungen. Der erhöhte Preis erscheint dann als Investition in die eigene Gesundheit, obwohl der beworbene Nutzen nicht nachgewiesen ist. Verbraucherschützer haben solche fragwürdigen Gesundheitsversprechen im Rahmen von Projekten wie dem „Faktencheck Gesundheitswerbung“ wiederholt kritisiert und auf die fehlende wissenschaftliche Grundlage hingewiesen.

Umweltargumente als Ablenkungsmanöver

Paradoxerweise wird stilles Mineralwasser teilweise mit Umweltargumenten beworben, etwa durch den Verweis auf regionale Quellen oder recycelbare Verpackungen. Diese Botschaften sollen umweltbewusste Konsumenten ansprechen und vom grundsätzlichen ökologischen Problem ablenken: Der Transport von Wasser in Flaschen verursacht einen erheblichen CO2-Fußabdruck, während Leitungswasser nahezu klimaneutral aus dem Hahn fließt.

Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: 2023 hatten PET-Flaschen einen Anteil von circa 80 Prozent am gesamten deutschen Mineralwasser-Markt, davon waren sogar 60 Prozent Einwegflaschen. Die Produktion dieser Plastikflaschen, selbst wenn sie recycelt werden, verbraucht erhebliche Ressourcen und Energie. Glasflaschen sind zwar wiederverwendbar, aber schwer im Transport und damit ebenfalls mit Umweltkosten verbunden. Aus ökologischer Sicht ist Leitungswasser die eindeutig bessere Wahl – eine Tatsache, die in der Werbung für Mineralwasser natürlich keine Rolle spielt.

Was Verbraucher wirklich wissen sollten

Stilles Mineralwasser ist nicht per se schlecht oder unnötig. Wer den Geschmack bevorzugt oder unterwegs eine praktische Lösung benötigt, kann durchaus darauf zurückgreifen. Problematisch wird es, wenn Konsumenten aufgrund geschickter Marketingstrategien glauben, sie würden sich mit dem Kauf eines teuren Mineralwassers etwas Gutes tun, das über ausreichende Flüssigkeitszufuhr hinausgeht.

Leitungswasser in Deutschland hat eine ausgezeichnete Qualität und reicht in der Regel für ein gesundes Leben vollkommen aus. Es enthält ebenfalls Mineralien, verursacht keine Transportkosten und ist um ein Vielfaches günstiger. Die vermeintlichen Vorteile von Mineralwasser sind in den allermeisten Fällen konstruiert und dienen primär der Gewinnmaximierung. Firmen lassen sich skurrile Marketingstrategien einfallen, um aus einem Grundversorgungsmittel hohe Gewinne zu erzielen.

Ein kritischer Blick auf die Werbeversprechen lohnt sich also. Die emotionalen Bilder von Bergquellen, die wissenschaftlich anmutenden Analysewerte und die eleganten Verpackungen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Inhalt der Flaschen funktional kaum etwas bietet, was nicht auch aus der Leitung kommt. Wer sein Geld lieber für nährstoffreiche Lebensmittel ausgibt statt für überteuerte Wasserflaschen, trifft die klügere Entscheidung für Gesundheit, Geldbeutel und Umwelt. Entgegen den Behauptungen grün gewaschener Werbekampagnen ist Leitungswasser um ein Vielfaches umweltfreundlicher als Mineralwasser in Flaschen.

Welches Wasser trinkst du am häufigsten zu Hause?
Leitungswasser direkt aus dem Hahn
Stilles Mineralwasser aus Glasflaschen
Stilles Mineralwasser aus Plastikflaschen
Gefiltertes Leitungswasser
Je nach Stimmung unterschiedlich

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