Was bedeutet es, wenn jemand Horrorfilme liebt, laut Psychologie?

Horrorfilme und Psychologie: Was deine Vorliebe für Grusel wirklich über dich verrät

Kennst du diese Leute, die sich am Freitagabend freiwillig die krassesten Horrorfilme reinziehen, während du schon bei einem Jumpscare das Kissen vor dein Gesicht hältst? Vielleicht bist du selbst so jemand und fragst dich manchmal, ob mit dir etwas nicht stimmt. Spoiler: Nein, tut es nicht. Tatsächlich hat die Wissenschaft herausgefunden, dass deine Vorliebe für Horror ziemlich viel über deine Persönlichkeit und deine psychischen Superkräfte aussagt – und das ist alles andere als gruselig.

Coltan Scrivner ist Psychologe von der Arizona State University und hat sich Jahre damit beschäftigt, genau dieser Frage auf den Grund zu gehen. Was er herausgefunden hat, ist ehrlich gesagt ziemlich faszinierend: Dein Gehirn nutzt Horrorfilme quasi als Fitnessstudio für Emotionen. Während andere Leute beim Yoga entspannen, trainierst du beim Anschauen von „The Conjuring“ deine psychische Widerstandsfähigkeit. Klingt verrückt? Lass mich das erklären.

Du bist nicht gestört – du bist ein Sensation Seeker

Eine Studie der Universität Graz aus dem Jahr 2024 hat richtig gründlich untersucht, was Horror-Fans von anderen Menschen unterscheidet. Das Ergebnis: Menschen, die auf Horrorfilme stehen, haben messbar höhere Werte bei einem Persönlichkeitsmerkmal, das die Psychologie Sensation Seeking nennt. Das ist kein wissenschaftliches Kauderwelsch für „diese Person ist komisch“, sondern beschreibt einfach nur, dass dein Gehirn nach intensiveren Reizen sucht als das von anderen Leuten.

Sensation Seeking bedeutet, dass du dich nach neuen, aufregenden und manchmal auch ein bisschen riskanten Erfahrungen sehnst. Du bist wahrscheinlich jemand, der sich schneller langweilt und stärkere Stimulation braucht, um sich wirklich lebendig zu fühlen. Das sind die Menschen, die beim ersten Date Achterbahn fahren wollen statt ins Café zu gehen, die spontan ihre Haare pink färben und – genau – die gerne Horrorfilme schauen.

Die Grazer Forschung hat dabei zwei spezifische Aspekte identifiziert, die bei Horror-Fans besonders ausgeprägt sind: die Suche nach Aufregung und eine gewisse Enthemmung. Bevor du jetzt denkst, Enthemmung klingt negativ – es bedeutet hier nur, dass du weniger Berührungsängste mit ungewöhnlichen oder intensiven Erfahrungen hast. Du bist mutiger, wenn es darum geht, dich auf Dinge einzulassen, die andere Menschen lieber meiden würden.

Dein Gehirn im Horror-Modus: Eine kontrollierte Katastrophe

Was passiert eigentlich in deinem Körper, wenn du einen richtig guten Horrorfilm schaust? Dein Puls rast. Deine Handflächen werden schwitzig. Adrenalin flutet durch dein System. Dein Körper reagiert exakt so, als wärst du wirklich in Gefahr – nur dass ein Teil deines Gehirns gleichzeitig weiß: Du sitzt sicher auf deinem Sofa mit einer Schüssel Popcorn auf dem Schoß.

Und genau diese Kombination ist der Schlüssel. Scrivner beschreibt Horrorfilme als sichere Simulation von Bedrohungssituationen. Dein Gehirn bekommt die Chance, mit Angst zu experimentieren, ohne dass du dabei echten Schaden nehmen kannst. Es ist wie ein Probelauf für den Ernstfall – nur dass niemand wirklich verletzt wird. Durch diese wiederholte Exposition lernt dein Gehirn etwas Wichtiges: Intensive Gefühle sind zwar unangenehm, aber sie sind kontrollierbar und sie gehen vorbei.

Das ist übrigens kein esoterisches Geschwäfel, sondern ein anerkanntes psychologisches Konzept. Die Wissenschaft nennt es das psychologische Inokulationsmodell – wie bei einer Impfung wird dein Gehirn durch kleine, kontrollierte Dosen von Stress widerstandsfähiger gegen den echten Stress im Leben.

Plot Twist: Es gibt drei verschiedene Arten von Horror-Fans

Hier wird es richtig interessant. Scrivner hat nämlich herausgefunden, dass nicht alle Horror-Fans gleich ticken. Seine Forschung identifiziert drei komplett unterschiedliche psychologische Profile – und jeder schaut aus völlig anderen Gründen Horror.

Die Adrenalin-Junkies sind wahrscheinlich die, an die du zuerst denkst. Diese Menschen suchen den reinen Nervenkitzel. Sie berichten davon, sich während des Films besonders lebendig zu fühlen. Der Kick, den andere beim Extremsport holen, bekommen sie beim Schauen von „Hereditary“ oder „Midsommar“. Sie genießen die körperliche Reaktion – das Herzklopfen, die Anspannung, den Adrenalinstoß. Für sie ist Horror wie eine Droge, nur ohne die ganzen unangenehmen Nebenwirkungen.

Die White Knucklers sind eine überraschende Gruppe. Diese Leute mögen die Angst selbst eigentlich gar nicht besonders. Stattdessen geht es ihnen um das Gefühl danach – diesen Moment der Erleichterung und des Stolzes: „Ich habe es durchgestanden!“ Es ist wie eine freiwillige Herausforderung, die sie sich selbst stellen. Der Horror ist für sie weniger Entertainment und mehr eine Art Mutprobe, die sie bestehen wollen.

Die Dark Copers nutzen Horrorfilme als emotionales Werkzeug. Diese Gruppe setzt Horror gezielt ein, um mit eigenem Stress, Ängsten oder sogar Depressionen umzugehen. Das klingt erst mal komplett paradox – warum sollte man sich gruseliges Zeug ansehen, wenn man ohnehin schon gestresst ist? Die Antwort liegt in der Ablenkung und der kontrollierten Emotionsverarbeitung. Sie nutzen Horror zur Selbstregulation ihrer Gefühle.

Scrivner hat diese drei Typen nicht nur theoretisch beschrieben, sondern auch in der Praxis getestet – unter anderem in einem dänischen Horror-Labyrinth. Die Ergebnisse waren eindeutig: Menschen lassen sich tatsächlich in diese drei Kategorien einordnen, auch wenn viele natürlich Mischformen sind.

Horror als Therapie: Klingt verrückt, funktioniert aber

Besonders die Erkenntnisse über die Dark Copers haben Therapeuten aufhorchen lassen. Studien zeigen tatsächlich, dass Horrorfilme therapeutisches Potenzial haben – allerdings nur unter einer wichtigen Bedingung: Der Konsum muss völlig freiwillig sein. Niemand sollte gezwungen werden, sich Gruselfilme anzusehen. Das hätte den gegenteiligen Effekt und würde eher traumatisieren als heilen.

Eine besonders spannende Studie der University of Chicago aus dem Jahr 2022 untersuchte, wie Menschen während der Covid-Pandemie mit Stress umgegangen sind. Das Ergebnis hat selbst die Forscher überrascht: Regelmäßige Horrorfilm-Fans zeigten insgesamt bessere psychische Widerstandsfähigkeit und waren weniger gestresst als Menschen, die keine Horrorfilme schauten.

Die Erklärung? Diese Menschen hatten bereits trainiert, mit Unbehagen und Unsicherheit umzugehen. Während die Pandemie für viele eine komplett neue Erfahrung von Angst und Kontrollverlust war, kannten Horror-Fans diese Gefühle bereits – nur eben aus dem sicheren Kontext ihrer Lieblingsfilme. Ihr Gehirn hatte gelernt: Angst ist unangenehm, aber sie vergeht, und ich kann damit umgehen.

Die dunkle Seite: Warum uns das Gruselige fasziniert

Ein weiterer Faktor, den die Forschung identifiziert hat, ist die sogenannte morbide Neugier. Der Begriff klingt düster, beschreibt aber eigentlich etwas ziemlich Normales: das Interesse an Tod, Gefahr und den dunklen Seiten der menschlichen Natur – Dinge, die wir normalerweise aus unserem Alltag fernhalten, die uns aber dennoch faszinieren.

Diese Neugier ist evolutionär sogar richtig sinnvoll. Unsere Vorfahren, die sich für potenzielle Gefahren interessierten und aus sicherer Distanz beobachteten, was passiert, wenn andere Risiken eingehen, konnten aus diesen Beobachtungen lernen, ohne selbst den Preis zu zahlen. Horrorfilme bedienen genau dieses uralte Bedürfnis – wir können Gefahrensituationen studieren, ohne wirklich in Gefahr zu sein.

Auf biochemischer Ebene passiert beim Horrorfilm-Schauen noch etwas ziemlich Cooles. Die Excitation Transfer Theory erklärt, wie sich negative Spannung in positive Gefühle verwandeln kann. Während des Films baut sich Spannung auf, dein Körper ist in höchster Alarmbereitschaft. Wenn sich diese Spannung dann auflöst – sei es durch eine überstandene Schrecksekunde oder durch das Ende des Films – schüttet dein Gehirn Dopamin und Endorphine aus.

Dieser biochemische Cocktail erzeugt ein regelrechtes Hochgefühl. Du hast die Angst durchlebt und überwunden, und dein Gehirn belohnt dich dafür wie nach einem intensiven Workout. Für Horror-Fans wird dieser Zyklus aus Anspannung und Erleichterung zu einem angenehmen, fast schon süchtig machenden Erlebnis. Es ist buchstäblich ein natürlicher Rausch.

Die soziale Komponente: Gemeinsam gruseln verbindet

Ein oft übersehener Aspekt ist die soziale Seite von Horror. Viele Menschen schauen Horrorfilme am liebsten in Gruppen. Das gemeinsame Durchleben intensiver Emotionen kann soziale Bindungen tatsächlich stärken. Es ist ein geteiltes Erlebnis, bei dem alle Beteiligten verletzlich sind und gemeinsam eine Herausforderung meistern.

Scrivners Forschung in dem dänischen Horror-Labyrinth bestätigte diese Dynamik auch außerhalb des Kinosaals. Menschen, die gemeinsam Grusel-Erfahrungen durchleben, berichten von stärkerem Zusammengehörigkeitsgefühl und intensiveren sozialen Verbindungen danach. Es schweißt zusammen – buchstäblich. Diese gemeinsame Bewältigung von Angst schafft eine besondere Form von Intimität, die man in anderen sozialen Situationen selten findet.

Persönlichkeitsmerkmale und extreme Horror-Vorlieben

Die Grazer Studie von 2024 hat auch den Zusammenhang zwischen Horrorfilm-Vorlieben und bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen untersucht. Bevor du jetzt in Panik gerätst: Diese Begriffe beschreiben in der Psychologie Spektren, nicht absolute Kategorien. Höhere Werte in bestimmten Bereichen bedeuten nicht automatisch, dass jemand gefährlich oder moralisch verwerflich ist. Die meisten Menschen haben diese Eigenschaften in unterschiedlichen Ausprägungen, und das ist völlig normal.

Die Forschung fand tatsächlich Korrelationen zwischen bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und der Vorliebe für besonders grafische Horror-Subgenres wie Gore oder Splatter. Wichtig zu verstehen: Korrelation bedeutet nicht Kausalität. Es heißt nicht, dass Horrorfilme dich zu einem schlechteren Menschen machen oder dass du automatisch gefährlich bist, wenn du Gore-Filme magst. Diese Persönlichkeitsmerkmale existieren auf einem Kontinuum, und bei den allermeisten Menschen liegen sie im völlig normalen Bereich.

Langfristige Effekte: Resilienz durch kontrollierten Schrecken

Die vielleicht faszinierendste Erkenntnis ist der Langzeiteffekt. Menschen, die regelmäßig Horrorfilme konsumieren, zeigen über die Zeit eine erhöhte psychische Widerstandsfähigkeit. Sie haben buchstäblich trainiert, mit intensiven negativen Emotionen umzugehen, ohne von ihnen überwältigt zu werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass Horrorfilme ein Allheilmittel sind oder dass jeder sie schauen sollte. Aber es zeigt, dass diese oft als bloße Unterhaltung abgetane Filmgattung tatsächlich eine wichtige psychologische Funktion erfüllen kann.

Sie bietet einen Raum, in dem wir unsere dunkelsten Ängste konfrontieren können, ohne echten Schaden zu nehmen. Wichtig ist dabei immer: Der therapeutische oder resilienzfördernde Effekt tritt nur bei freiwilligem Konsum auf. Niemand sollte sich zu Horrorfilmen zwingen oder andere dazu drängen. Jeder Mensch hat unterschiedliche Bedürfnisse und Grenzen, und die zu respektieren ist entscheidend.

Was deine Horror-Vorliebe wirklich über dich aussagt

Wenn du Horrorfilme liebst, sagt das einiges über dich aus – und das meiste davon ist ziemlich positiv. Du hast wahrscheinlich höhere Sensation-Seeking-Werte und suchst intensivere Erfahrungen als der Durchschnitt. Du könntest eine bessere Fähigkeit zur Emotionsregulation entwickelt haben oder gerade dabei sein, sie zu trainieren. Dein Gehirn hat möglicherweise gelernt, mit Stress und Unbehagen effektiver umzugehen als andere.

Vielleicht nutzt du Horror auch gezielt als Bewältigungsstrategie für eigene Ängste oder Stress. Du besitzt eine gesunde morbide Neugier, die dir hilft, potenzielle Gefahren aus sicherer Distanz zu verstehen. Und du genießt die neurochemische Belohnung nach durchlebter und überwundener Angst – und wer kann es dir verdenken? All diese Aspekte machen dich nicht seltsam oder gestört, sondern zeigen einfach, dass du ein verfügbares Werkzeug nutzt, um mit den Herausforderungen des Lebens besser umzugehen.

Die Forschung von Wissenschaftlern wie Scrivner hat gezeigt, dass Horror-Fans in einer Welt, die oft unsicher und beängstigend sein kann, paradoxerweise einen Ort der Kontrolle gefunden haben. Du kannst die Bedrohung jederzeit pausieren, vorspulen oder ganz abschalten. Diese Kontrolle, kombiniert mit der intensiven emotionalen Erfahrung, macht Horror zu einem einzigartigen psychologischen Werkzeug.

Wenn du das nächste Mal jemanden triffst, der nicht versteht, warum du dir freiwillig die neueste Grusel-Serie reinziehst, kannst du mit einem neuen Selbstbewusstsein antworten. Ob du nun zu den Adrenalin-Junkies, den White Knucklers oder den Dark Copers gehörst – oder eine Mischung aus allen dreien bist – deine Vorliebe für Horror sagt etwas Wichtiges über deine Persönlichkeit und deine Bewältigungsstrategien aus. Und während andere Menschen ihre Ängste wegdrücken oder ignorieren, trainierst du dein Gehirn, damit umzugehen. Das ist nicht nur clever, sondern auch ziemlich mutig.

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