Frische Milch gilt als eines der natürlichsten Lebensmittel im Supermarktregal. Doch ein genauer Blick auf die Nährwerttabelle und die Zutatenliste offenbart oft überraschende Details, die viele Verbraucher nicht erwarten würden. Was auf den ersten Blick wie ein simples Naturprodukt aussieht, kann bei näherer Betrachtung Fragen aufwerfen, die weit über die bloße Angabe von Fett- und Eiweißgehalt hinausgehen.
Die Nährwerttabelle: Mehr als nur Zahlen
Auf jeder Milchverpackung findet sich die gesetzlich vorgeschriebene Nährwerttabelle. Sie listet Energie, Fett, gesättigte Fettsäuren, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz auf. Was jedoch fehlt, ist der Kontext: Woher stammen diese Werte genau? Milch ist ein Naturprodukt, dessen Zusammensetzung von zahlreichen Faktoren abhängt – von der Fütterung der Kühe über die Jahreszeit bis hin zur Rasse der Tiere. Diese natürlichen Schwankungen werden in den standardisierten Tabellen nicht abgebildet.
Kuhmilch besteht zu etwa 87 Prozent aus Wasser und zu rund 4 Prozent aus Fett. Die verbleibenden 9 Prozent der fettfreien Trockenmasse setzen sich aus etwa 4,7 Prozent Laktose, 3,3 Prozent Eiweiß sowie Vitaminen und Enzymen zusammen. Dazu kommt, dass Milch natürlicherweise 0,75 Prozent Mineralstoffe enthält. Doch je nach Rasse, Fütterung und Betriebsform können diese Werte schwanken. Konventionell erzeugte Milch in Bayern hatte 2019 im Schnitt 4,22 Prozent Milchfett und 3,53 Prozent Eiweiß, biologisch erzeugte Milch hingegen 4,10 Prozent Fett und 3,37 Prozent Eiweiß.
Besonders interessant wird es beim Zuckergehalt. Viele Verbraucher wundern sich über die Angabe von rund 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Hierbei handelt es sich um Laktose, den natürlichen Milchzucker. Dieser muss in der Nährwerttabelle unter „davon Zucker“ aufgeführt werden, auch wenn er nicht zugesetzt wurde. Die aktuelle Kennzeichnungspflicht unterscheidet nicht zwischen natürlich vorkommendem und zugesetztem Zucker – eine Lücke, die zu Missverständnissen führen kann.
Homogenisierung und Pasteurisierung: Unsichtbare Verarbeitungsschritte
Was die Nährwerttabelle ebenfalls nicht verrät: welche Verarbeitungsschritte die Milch durchlaufen hat. Praktisch alle im Handel erhältliche Frischmilch wird pasteurisiert und homogenisiert. Diese Prozesse verändern die Struktur der Milch grundlegend. Die Pasteurisierung erhitzt die Milch kurzzeitig auf mindestens 72 Grad Celsius, um Keime abzutöten und gleichzeitig Vitamine und Geschmack weitgehend zu bewahren. Die Homogenisierung zerkleinert die Fettkügelchen, damit sich keine Rahmschicht mehr absetzt. Beide Verfahren beeinflussen die Bioverfügbarkeit bestimmter Nährstoffe, wobei hitzeempfindliche Vitamine teilweise verloren gehen können. Bei schonender Erhitzung bleiben allerdings rund 80 bis 90 Prozent der Vitamine erhalten.
Diese Informationen finden sich nicht in der Nährwerttabelle, obwohl sie für das Verständnis des Produkts relevant sind. Die angegebenen Nährwerte beziehen sich auf die verarbeitete Milch – nicht auf das ursprüngliche Naturprodukt direkt aus dem Euter.
Die Herkunft der Nährwerte: Ein Durchschnittsspiel
Hersteller sind gesetzlich verpflichtet, Nährwertangaben zu machen. Doch woher stammen diese Zahlen? In den meisten Fällen handelt es sich um Durchschnittswerte, die auf Analysen oder Standardtabellen basieren. Die tatsächlichen Werte in der konkreten Packung können davon abweichen – besonders bei Naturprodukten wie Milch.
Ein Beispiel: Der Fettgehalt von Vollmilch muss mindestens 3,5 Prozent betragen. In der Praxis liegt er oft zwischen 3,5 und 3,9 Prozent, je nach Rasse und Fütterung. Fleckvieh-Kühe produzieren Milch mit etwa 4,20 Prozent Fett, Jersey-Kühe sogar mit etwa 5,75 Prozent Fett. Die Nährwerttabelle weist jedoch einen festen Wert aus, meist zwischen 3,5 und 3,9 Gramm Fett pro 100 Milliliter. Diese Standardisierung schafft zwar Vergleichbarkeit, verschleiert aber die natürliche Variabilität des Produkts.
ESL-Milch: Längere Haltbarkeit durch Verarbeitung
Bei der sogenannten ESL-Milch (Extended Shelf Life), die als „länger haltbare Frischmilch“ vermarktet wird, wird die Milch mechanisch gereinigt sowie anschließend schonend erhitzt oder mittels Mikrofiltration behandelt. Diese Milch wird stärker erhitzt als traditionelle Frischmilch. Die Unterscheidung zwischen echter Frischmilch und ESL-Milch ist für Verbraucher nicht immer eindeutig erkennbar. Beide können unter der Bezeichnung „Frischmilch“ verkauft werden, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind – ein Umstand, der Transparenz erschwert.

Der Salzgehalt: Eine unterschätzte Angabe
In jeder Nährwerttabelle findet sich die Angabe zum Salzgehalt. Bei Milch liegt dieser typischerweise bei etwa 0,1 bis 0,13 Gramm pro 100 Milliliter. Diese Zahl irritiert viele Konsumenten: Wird der Milch Salz zugesetzt? Die Antwort lautet nein – es handelt sich um natürlich vorkommende Mineralstoffe, hauptsächlich Natrium, das rechnerisch als Salz angegeben wird. Diese Darstellung ist gesetzlich vorgeschrieben, führt aber zu Verwirrung. Wer die Kennzeichnungsvorschriften nicht kennt, könnte annehmen, dass auch reiner Milch Salz beigemischt wird. Eine klarere Unterscheidung zwischen natürlichen Mineralstoffgehalten und tatsächlichen Zusätzen wäre hier wünschenswert.
Fehlende Angaben: Was die Tabelle verschweigt
Mindestens ebenso aufschlussreich wie die vorhandenen Angaben sind die fehlenden Informationen. Die Nährwerttabelle gibt keinen Aufschluss über den Gehalt an Omega-3-Fettsäuren, der stark von der Fütterung abhängt – ein hoher Anteil an Gras und Heu bei moderater Kraftfutterfütterung sorgt für erhöhte Gehalte wertvoller Omega-3-Fettsäuren sowie konjugierter Linolsäuren. Auch die Qualität des Eiweißes und dessen Aminosäureprofil bleiben unerwähnt. Der Calciumgehalt, der bei etwa 120 Milligramm pro 100 Milliliter liegt und durch die Laktose in der Milch besonders gut vom Körper aufgenommen werden kann, findet ebenfalls keine Erwähnung. Hormonrückstände oder Medikamentenspuren unterhalb der Grenzwerte sowie der Grad der Verarbeitung und deren Auswirkung auf die Nährstoffe bleiben im Dunkeln.
Diese Lücken machen deutlich: Die Nährwerttabelle bietet nur einen Ausschnitt der Realität. Sie erfüllt gesetzliche Mindestanforderungen, gibt aber kein vollständiges Bild von dem, was tatsächlich im Produkt steckt.
Laktosefreie Varianten: Ein Sonderfall
Laktosefreie Milch wirft zusätzliche Fragen auf. Hier wird das Enzym Laktase zugesetzt, das den Milchzucker in Glukose und Galaktose spaltet. Das Ergebnis: Die Milch schmeckt süßer, obwohl nichts hinzugefügt wurde. In der Nährwerttabelle erscheint weiterhin die gleiche Menge Zucker wie bei normaler Milch – nur in anderer Form. Der enzymatische Zusatz muss gekennzeichnet werden, doch seine Wirkung auf die Nährstoffzusammensetzung bleibt in der Tabelle unsichtbar. Für Menschen mit Diabetes oder Stoffwechselerkrankungen kann diese Veränderung relevant sein, auch wenn der absolute Zuckergehalt identisch bleibt.
Praktische Tipps für bewusste Verbraucher
Um wirklich zu verstehen, was in der Milchpackung steckt, reicht der Blick auf die Nährwerttabelle nicht aus. Die Zutatenliste sollte genau gelesen werden, denn hier stehen alle Zusätze, auch wenn sie in der Nährwerttabelle nicht erscheinen. Die Produktbezeichnung verdient besondere Beachtung: „Frischmilch“ und „länger haltbare Frischmilch“ sind unterschiedlich behandelt. Es lohnt sich, nach dem Herstellungsverfahren zu fragen – ist die Milch traditionell pasteurisiert oder hocherhitzt? Manche Hersteller geben freiwillig mehr Informationen als gesetzlich nötig, was beim Einkauf helfen kann. Außerdem sollte man saisonale Schwankungen einkalkulieren, denn die Werte können von Charge zu Charge variieren.
Die Nährwerttabelle ist ein wichtiges Instrument für Verbraucher, doch sie hat klare Grenzen. Wer vollständig verstehen möchte, was er kauft, muss über die vorgeschriebenen Angaben hinausschauen und kritische Fragen stellen. Transparenz endet nicht bei gesetzlichen Mindestanforderungen – sie beginnt dort, wo Hersteller freiwillig mehr Informationen bereitstellen und Verbraucher diese aktiv einfordern.
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