Beim morgendlichen Gang durch die Supermarktregale fällt der Blick schnell auf bunte Gläser mit verlockenden Aufstrichen. Besonders bei Produkten für Kinder scheint die Verpackung regelrecht zu schreien: „Gesund!“, „Natürlich!“, „Mit wertvollen Vitaminen!“. Doch hinter den glänzenden Siegeln und farbenfrohen Symbolen verbirgt sich oft eine Realität, die Eltern genauer unter die Lupe nehmen sollten. Die Health-Claims-Verordnung und die Lebensmittel-Informationsverordnung regeln zwar, was auf Verpackungen stehen darf – doch geschicktes Marketing findet immer wieder Schlupflöcher.
Die Flut der Siegel: Orientierung oder Verwirrung?
Auf einem einzigen Glas Nuss-Nougat-Creme oder Fruchtaufstrich können sich heute bis zu fünf verschiedene Siegel und Symbole tummeln. Von Herz-Symbolen über stilisierte Kinder beim Spielen bis hin zu Aufdrucken wie „Ohne Zusatzstoffe“ oder „Reich an Calcium“ – die Hersteller wissen genau, welche Knöpfe sie bei besorgten Eltern drücken müssen. Das Problem: Nicht jedes Symbol bedeutet das, was es auf den ersten Blick suggeriert.
Während gesetzlich geschützte Bio-Siegel nach der EU-Öko-Verordnung tatsächlich nach strengen Kriterien vergeben werden, handelt es sich bei vielen anderen Kennzeichnungen um reine Marketinginstrumente. Diese sogenannten Pseudo-Siegel sind nicht standardisiert, nicht unabhängig geprüft und manchmal schlicht erfunden. Sie dienen einzig dem Zweck, Vertrauen zu schaffen und sich von Konkurrenzprodukten abzuheben.
Herz-Symbole und Gesundheitsversprechen: Was steckt dahinter?
Besonders perfide ist die Verwendung von Herz-Symbolen auf Aufstrichen. Ein rotes Herz neben dem Produktnamen erweckt automatisch positive Assoziationen mit Gesundheit und Herzschutz. Die Health-Claims-Verordnung regelt zwar eindeutig, dass gesundheitsbezogene Aussagen nur bei wissenschaftlichem Nachweis verwendet werden dürfen. Die visuelle Darstellung eines Herzens fällt jedoch oft in eine rechtliche Grauzone, die Hersteller geschickt ausnutzen.
Ein genauerer Blick auf die Zutatenliste enthüllt dann nicht selten: Der angeblich herzfreundliche Aufstrich enthält Palmöl, mehr als 50 Prozent Zucker und kaum nennenswerte Mengen der beworbenen Nüsse. Das Herz-Symbol bezieht sich möglicherweise nur auf einen zugesetzten Hauch Vitamin E – während die Gesamtkomposition des Produkts alles andere als förderlich ist. Solche Praktiken führen Verbraucher bewusst in die Irre und machen aus einem Zuckerbomben-Aufstrich ein scheinbar gesundes Frühstück.
Kinder-Marketing: Wenn Bären und Sterne zu Qualitätsbotschaftern werden
Aufstriche, die sich explizit an Kinder richten, setzen auf eine besonders emotionale Ansprache. Fröhliche Comic-Figuren, Sterne, die „Energie“ versprechen, oder Aufdrucke wie „Speziell für die Kleinen entwickelt“ suggerieren eine besondere Eignung für den Nachwuchs. Doch was genau macht einen Aufstrich kindgerecht?
Rechtlich gesehen: fast nichts. Es gibt keine verbindliche EU-weite Definition für Kinderlebensmittel. Hersteller können ihre Produkte nach Belieben als solche vermarkten. Ernährungswissenschaftler warnen sogar davor, dass speziell beworbene Kinderprodukte häufig mehr Zucker, Fett und Aromastoffe enthalten als vergleichbare Standard-Varianten. Die bunten Verpackungen und lustigen Maskottchen dienen nur einem Zweck: Kinder zum Quengeln und Eltern zum Kaufen zu bringen.
Die wichtigsten Warnsignale bei Kinder-Aufstrichen
- Unspezifische Formulierungen wie „unterstützt das Wachstum“ ohne konkrete Angaben
- Symbole, die Vitamine oder Mineralstoffe hervorheben, während der Zuckergehalt verschwiegen wird
- Fantasienamen für Inhaltsstoffe, die harmloser klingen als sie sind
- Verweise auf „natürliche Zutaten“, obwohl Aromen und Zusatzstoffe enthalten sind
- Prozentzahlen ohne Kontext, etwa „30% weniger Fett“ – verglichen womit genau?
Vitamin- und Mineralstoff-Zusätze: Sinnvoll oder Verkaufsmasche?
Ein besonders beliebter Trick: die Anreicherung von Aufstrichen mit Vitaminen und Mineralstoffen. Ein Aufstrich mit zugesetztem Calcium und Vitamin D wird plötzlich zum „wertvollen Beitrag für starke Knochen“. Doch Experten sehen diese Praxis kritisch, denn sie verschleiert das eigentliche Nährwertprofil.
Kinder, die sich halbwegs ausgewogen ernähren, benötigen keine angereicherten Aufstriche. Im Gegenteil: Die unkontrollierte Aufnahme über verschiedene angereicherte Lebensmittel kann sogar zu einer Überversorgung führen. Zudem lenken diese Zusätze vom eigentlichen Problem ab. Ein Aufstrich mit 60 Prozent Zucker wird nicht gesünder, nur weil ihm Vitamin C zugesetzt wurde. Es ist, als würde man eine Zigarette mit Vitaminen anreichern und sie dann als Wellness-Produkt verkaufen.
Besonders problematisch wird es, wenn Eltern aufgrund solcher Angaben größere Mengen als sinnvoll für unbedenklich halten. Der vermeintliche Gesundheitsnutzen wird zur Rechtfertigung für täglichen Konsum hochkalorischer, zuckerhaltiger Produkte. Die Lebensmittel-Informationsverordnung verpflichtet zwar zur Nährwertkennzeichnung, aber die bunten Gesundheitsversprechen auf der Vorderseite wirken nun mal stärker als nüchterne Zahlen auf der Rückseite.

Die Macht der Farben und Zahlen
Grüne Aufdrucke signalisieren Natürlichkeit, blaue stehen für Reinheit, rote für Energie. Diese Farbpsychologie wird gezielt eingesetzt, um bestimmte Assoziationen zu wecken. Ein grüner Punkt mit „100% natürlich“ kann sich dabei ausschließlich auf eine einzelne Zutat beziehen, während das Gesamtprodukt hochverarbeitet ist und mit Natürlichkeit wenig zu tun hat.
Auch mit Zahlen wird gern jongliert. „75% Fruchtanteil“ klingt beeindruckend – verschwiegen wird dabei, dass der Rest hauptsächlich aus Zucker besteht. Oder es prangt „Ohne Zuckerzusatz“ auf dem Glas, während die enthaltenen Fruchtsaftkonzentrate de facto dieselbe Wirkung haben wie zugesetzter Zucker. Diese Spielereien sind rechtlich oft abgesichert, ethisch aber mehr als fragwürdig. Die Hersteller nutzen jede Formulierung, die nicht explizit verboten ist.
So durchschauen Eltern die Tricks
Der wichtigste Schritt ist der Blick auf die Zutatenliste und die Nährwerttabelle – nicht auf die Vorderseite der Verpackung. Hier offenbart sich die Wahrheit. Die Lebensmittel-Informationsverordnung schreibt vor, dass diese Angaben klar lesbar und verständlich sein müssen. Trotzdem versuchen manche Hersteller, sie möglichst unauffällig zu platzieren.
Zutatenliste richtig lesen
Die Reihenfolge ist entscheidend. Laut Lebensmittel-Informationsverordnung müssen Zutaten nach abnehmender Menge geordnet sein. Was zuerst steht, ist mengenmäßig am meisten enthalten. Wenn bei einem angeblich „nussigen“ Aufstrich Zucker vor Nüssen steht, spricht das Bände. Auch die Gesamtlänge der Liste gibt Aufschluss: Je kürzer, desto besser.
Vorsicht bei verschiedenen Zuckerarten unter unterschiedlichen Namen: Glukosesirup, Fruktose, Maltodextrin, Dicksaft – alles Varianten von Zucker, die zusammengerechnet den Hauptbestandteil ausmachen können, obwohl sie einzeln weiter hinten stehen. Dieser Trick ist besonders beliebt, weil er formal korrekt ist, aber täuscht. Die Nährwerttabelle zeigt den Gesamtzuckergehalt und verrät damit die ganze Wahrheit. Hier kann man nicht tricksen.
Seit Dezember 2016 sind Nährwertangaben auf allen verpackten Lebensmitteln verpflichtend. Besonders relevant sind die Angaben pro 100 Gramm, nicht pro Portion. Denn was als Portion gilt, definiert der Hersteller selbst – oft unrealistisch klein. Die Standardisierung auf 100 Gramm ermöglicht den direkten Vergleich verschiedener Produkte und entlarvt übertriebene Portionsgrößen-Spielereien.
Die sieben verpflichtenden Nährwertangaben umfassen: Brennwert, Fett, gesättigte Fettsäuren, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiß und Salz. Ein Aufstrich mit mehr als 50 Gramm Zucker pro 100 Gramm besteht zur Hälfte aus Zucker. Bei mehr als 30 Gramm Fett wird es ebenfalls kritisch. Der Salzgehalt wird bei süßen Aufstrichen oft übersehen, kann aber überraschend hoch sein und sollte nicht ignoriert werden.
Echte Qualitätsmerkmale erkennen
Während viele Siegel und Symbole irreführend sind, gibt es durchaus verlässliche Kennzeichnungen. Das sechseckige deutsche Bio-Siegel und das EU-Bio-Logo unterliegen strengen gesetzlichen Standards nach der EU-Öko-Verordnung. Sie garantieren zwar nicht automatisch einen niedrigeren Zucker- oder Fettgehalt, aber den Verzicht auf synthetische Pestizide und Gentechnik. Bio bedeutet nicht kalorienarm, aber es bedeutet kontrollierte Herkunft und Verarbeitung.
Fairtrade-Siegel sagen etwas über die Produktionsbedingungen aus, nicht primär über die Gesundheit. Sie sind dennoch wertvoll für bewusste Kaufentscheidungen und zeigen, dass faire Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen dem Hersteller wichtig sind. Regionalsiegel können auf kurze Transportwege hinweisen, sind aber weniger streng reguliert. Hier lohnt sich ein Blick auf die genauen Kriterien des jeweiligen Siegels.
Praktische Strategien für den Einkauf
Statt sich von bunten Versprechen leiten zu lassen, helfen klare Entscheidungskriterien. Ein guter Fruchtaufstrich besteht hauptsächlich aus Früchten mit einem Fruchtanteil von mindestens 70 Prozent – besser noch höher. Die Zutatenliste sollte überschaubar bleiben. Wenn man mehr als fünf Zutaten zählt, von denen man die Hälfte nicht aussprechen kann, ist Vorsicht geboten.
Bei Nuss-Aufstrichen ist der tatsächliche Nussanteil entscheidend. Produkte mit weniger als 20 Prozent Nüssen verdienen die Bezeichnung kaum. Ideal sind Varianten mit über 50 Prozent. Alles andere ist im Grunde Zuckercreme mit Nussgeschmack. Wer unsicher ist, kann sich an einer einfachen Regel orientieren: Was die eigene Großmutter nicht als Lebensmittel erkannt hätte, sollte kritisch hinterfragt werden.
Mysteriöse Zusatzstoffe mit E-Nummern oder komplizierte chemische Bezeichnungen sind Warnsignale. Nicht alle E-Nummern sind per se schlecht, aber ihre Anwesenheit deutet auf hochverarbeitete Produkte hin. Letztlich geht es nicht um Perfektion, sondern um informierte Entscheidungen. Ein gelegentlicher Nuss-Nougat-Aufstrich schadet nicht – aber Eltern sollten wissen, was sie ihren Kindern tatsächlich aufs Brot streichen, statt sich von geschicktem Marketing täuschen zu lassen. Die Verpackung erzählt Geschichten, die Zutatenliste die Wahrheit.
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